Es gibt derzeit furchtbar viel Tamtam wegen der iPhone-Antenne. Und während es viel an Apples Reaktion zu kritisieren gibt, sind wir froh zu sehen, dass sie aufgehört haben zu behaupten, dass das Problem nicht existiert. Oder doch nicht?
Apple verbrachte den Großteil der vergangenen Woche damit die iPhone 4-Antenne zu verteidigen, sowohl mit Daten als auch mit Worten. Es war wahrlich beeindruckend.
Verteidigung Nr. 1: Das Leben ist Be********
Apples primäre Verteidigung ist, dass jedes Handy den Empfang verliert, wenn man es hält. Die Firmenrichtlinie war von Anfang an: »Jedes Handy wird Emfangsleistung verlieren, wenn die Antenne berührt wird. An bestimmten Orten mehr, an anderen weniger, abhängig von der Platzierung der Antenne. Das ist eine Tatsache bei allen schnurlosen Telefonen«.
Apple belegte diese “Tatsache” mit Hilfe von drei Nicht-iPhones vor allem: das BlackBerry Bold 9700, HTC Droid Eris und Samsung Omnia 2. Die Handys werden im Todesgriff gehalten; die Empfangsbalken verschwinden.
Es stimmt und man kann es leicht nachweisen. Aber nur eine Handvoll von Smartphones, an einer Stelle mit schwachem Empfang, zeigt in unserem Test einen Emfangsverlust. Das Nexus One auf der Unterseite zu greifen bewirkt einen Verlust von einem Empfangsbalken; Der BlackBerry Bold 9700 verliert drei, genau wie von Apple gezeigt; Jedoch weder das Droid X noch das Evo verlieren alle Balken. (Dazu müsste man die Spitze des Droid X oder Evo halten. Und auch dann verliert man nur einen Balken.) Das iPhone 4, mit Upgrade auf 4.0.1, verliert bei einer sanften Berührung seines einzigen Schwachpunkts, bereits 2 Balken.
Der Unterschied ist, dass die anderen Handys, mit Ausnahme der Nexus One, erfordern, dass der Anwender seine Hand um die Antenne schlingt, um den Empfang zu vermindern.
Während es beim iPhone 4 hingegen ausreicht einen einzigen Punkt zu berühren, um das Signal zu stören (Wie RIM und Nokia schnell entgegnet haben).
Genau das, hat Ryan Block, Bob Mansfield in der Fragerunde nach der Pressekonferenz gefragt:
Frage: Warum reicht die Berührung einer einzelnen Ecke mit einem einzigen Finger, um dieses Problem zu verursachen? Es ist nicht nur der Griff und kann bereits durch Berühren eines einzigen Fingers passieren.
Antwort: Dein Körper ist ein ziemlich wirksamer Empfangs-Absorber. Wenn du das Handy berührst, sinkt seine Empfangsleistung im Vergleich zu der gewöhnlichen Leistung. Es ist eine Möglichkeit, um das Signal um ein gewisses Maß zu dämpfen.
Warum sollten dann Hüllen, die man in der Hand hält, eine funktionierende Lösung für das Problem sein? Ein Ingenieur erzählte uns, dass die Bumper-Lösung zeigt, dass das eigentliche Problem, durch den Hautkontakt mit der iPhone 4 Antenne verursacht wird. Und nicht einfach durch Signale, die durch den Körper blockiert werden. Vielmehr schlägt er vor, da es eine Folge der Berührung mit der Haut ist, die Antenne mit einer elektrisch nicht leitfähigen Beschichtung zu überziehn. (Vielleicht ist das, der Grund warum Steve versprochen hat, die Frage im September neu anzugehen.) Das ist auch der Grund, warum die anderen Handys nicht ganz so stark unter dem Signalverlust leiden.
Das ist auch der Grund, warum Steve Jobs seine eigene Theorie vertritt, dass nicht genügend Hüllen für das iPhone 4 verkauft wurden. Das scheint ein wenig albern, weil das 3G und 3GS nicht einen einzigen Schwachpunkt hatten, der durch Hautkontakt beeinflusst wird.
Verteidigung 2: Alles ist einfach fantastisch
Das iPhone 4 ist mit »einem sehr fortgeschrittenen neuen Antennensystem ausgerüstet«. In der Tat, sagt Steve »es ist die beste Antenne die jemals in einem Smartphone verbaut wurde«. Und später sagt er, »Ein Blick auf die Daten zeigt: Wir haben kein Problem«. Welche Daten sind das?
Nun, sie haben Millionen ausgegeben, um in einem 100-Millionen-Dollar-Labor in 17 verschiedenen Antenne-Kammern Handys zu testen.
Nur 0,55 Prozent aller iPhone 4 Benutzer haben AppleCare angerufen und sich über die Antenne oder den Empfang beschwert (Dies schließt Genius-Bar-Besuche offenbar auch mit ein). Das sind also rund 16.500 Beschwerden von 3 Millionen verkauften iPhones. »Historisch gesehen ist das für uns keine große Zahl«, sagt Steve. (Was ist DANN ist eine große Zahl? Was eine normale Zahl? Er will es nicht sagen.)
Zum Vergleich: Das HTC Droid Eris, eines der Handys an denen Apple die Empfangsprobleme demonstriert, hat einen Beschwerdeprozentsatz von 0,016 Prozent. Oh, und die Rückgaberate für das iPhone 4 ist gerade einmal 1,7 Prozent im Vergleich zu den 6 Prozent für das iPhone 3GS.
Aber dann gibt es wiederum diese Aussage von Steve: »Ich kann Ihnen sagen, da wir völlig transparent sind, dass, obwohl wir glauben, dass die iPhone 4 Antenne überlegen ist, dass es damit pro 100 Anrufe mehr Abbrüche gibt als beim iPhone 3GS«. Das ist weniger als ein zusätzlich abgebrochenes Telefonat auf 100 Anrufe im Vergleich zum 3GS.
Diese Zahl ist ungenauer, als es zunächst den Anschein hat. Rechnen wir das Ganze doch mal in Prozent um: Weniger als 1 Prozent könnte überall zwischen 0,01 Prozent und 0,99 Prozent liegen. Vermutlich würde Steve die kleinste Zahl verwenden. Gehen wir also von mehr als einem halben Prozent und weniger als einem Prozent aus. Runden wir mal auf einen Prozent auf. Rechnet man dies auf 100.000 Anrufe, sind es 1000 abgebrochene Telefonate. Oder um es in Steves Worten auszudrücken: Das 3GS brich einen von 100 Telefonaten ab. Beim iPhone 4 sind es bis zu 1,9 von 100-Anrufen – also fast eine Verdoppelung.
Dennoch ist es ziemlich merkwürdig. Sollte nicht das iPhone 4 eine: »sehr fortgeschrittene Antenne« haben? Dem zufolgte sollte es weniger unterbrochene Gespräche, und nicht mehr, geben. Zumal wenn sie überlegen ist?
Verteidigung 3: Wir haben einen kleinen Fehler gemacht. Wir werden ausgebeutet, aber jetzt ist alles behoben
Wenn Sie die Kurzfassung hören wollen, sagt Steve: »Der Kern des Problems ist: Smartphones haben Schwachstellen. Wir haben unsere sehr sichtbar gemacht. Einige nutzten sie für Demonstrationen. Es war sehr leicht nachweisbar. Wir haben es verbockt und zuviele Balken angezeigt, was diese Demonstrationen theatralischer gemacht hat, als sie eigentlich zu sein braucht«.
Apple sagt, sie haben die Leisten falsch angezeigt und sie haben es inzwischen behoben. »Wir haben den Algorithmus vermasselt… Unsere Wahl ist es, den richtigen Algorithmus zu nutzen, was wir gerade getan haben«. Es ist wahr, sie haben ein echtes Problem behoben, wie Anandtech schön zeigt. Das iPhone hat mit seinen Statusbalken ein sehr viel rosigeres Bild von dem Empfang gezeigt, als es in Wirklichkeit der Fall war. Der komprimierte Dynamikbereich der Balken war nur wenig genauer als die Finger zu lecken und in den Wind zu stecken. Sie sind jetzt viel aussagekräftiger und gleichmäßiger verteilte Indikatoren für das Signal. Doch warum erst jetzt und nicht schon vor Jahren für die beiden letzten iPhones
Nun, ursprünglich lies es den Empfang besser aussehen – deshalb. Es wäre äußert leichtgläubig zu denken, dass es von Apples Ingenieure seit Jahren unentdeckt blieb. Sie machen die modernsten Antennen in einem Smartphone, in einem 100.000.000 Dollar Testlabor und merken nicht, dass das iPhone eine bessere Signalanzeige braucht? Die Kehrseite, wenn man die Balken aufpumpt, war das, was auch tatsächlich eingetreten ist. Das Problem sah viel schlimmer aus, als es eigentlich war.
Es gibt einen seltsamen Beigeschmack bei all der Transparenz in diesem Fall. Ein Gefühl von: »Sehen Sie, was passiert, wenn wir transparent sind?«. Apple ist nicht für seine Offenheit bekannt und so ist es interessant zu sehen, dass Steve über die Schmerzen spricht, die Apple bei dem Versucht hat transparent zu sein: »Wir mussten einiges erdulden, um dieses Statement zu machen«. Den Schwachpunkt aufzuzeigen und sich böse Kommentare anzuhören. »Wenn die Leute uns kritisieren, nehmen wir es wirklich persönlich. Vielleicht sollten wir eine Mauer von PR-Leuten aufbauen, die alles von uns weg halten«. Als Journalist ist diese Aussage lächerlich: Apple hat eine der undurchsichtigsten und uneinnehmbarsten Mauern von PR-Leuten in der Branche. Das durch das PR Personal forcierte Schweigen, um auch den geringsten Hauch von externen Nachrichten abzuwehren, ist geradezu legendär.
Deshalb werden wir nie eine direkte Entschuldigung von Apple zu hören bekommen.Sie sind schlau genug um zu wissen, dass es die Tür zu einer Sammelklage öffnen würde und zu stolz, um sich in ihr eigenes Schwert zu werfen. Es ist einfach nicht ihr Stil und wird es nie werden, solange Jobs zuständig ist.
Verteidigung 4: Es ist ein kleines Problem
Seht ihr all diese Zahlen? Es ist ein kleines Problem. Wir arbeiten hart. Wir lieben euch. Wir machen tolle Sachen. Wir verteilen Gratishüllen. Hör auf darüber zu reden. Steve sagt: »Wir haben die letzten 22 Tage wirklich hart gearbeitet, um zu verstehen, was das eigentliche Problem ist. Sodass, wenn wir es lösen, wir das eigentliche Problem lösen, anstatt nur ein Pflaster draufzukleben.
Das schließt die Behauptung aus, dass die Bumper eine Notlösung sind. Es ist sogar fast wörtlich ein Stück Stoff, das eine klaffende Lücke des Telefons behebt. Das Problem, wird durch die Berührung mit menschlicher Haut verursacht und das gilt für jedes einzelne iPhone 4 – egal ob in den USA, in Deutschland oder in Turkmenistan.
Das Ergebnis
So! Es gibt ein Problem mit einem bestimmten Punkt auf dem iPhone 4 – der externen Antenne. Wenn ihr ihn mit eurer Haut berührt wird die Signalstärke-um 24dB verringert, um genau zu sein. Die alte Methode der angezeigte Empfangsbalken hat es schlechter aussehen lassen, weil der Dynamikbereich komprimiert war. Die Gratishüllen helfen laut Anandtech-Zahlen, aber es ist keine dauerhafte Lösung. In den meisten Fällen, bieten sie einen besseren Empfang.
Die Korrektur der Signaldarstellung ist für Apple momentan der richtige Weg, selbst wenn es ein wenig lächerlich klingt. Die Gratishüllen helfen gegen die Empfangsprobleme, auch wenn sie nicht ihre Ursache zu beheben. Vielleicht hätte, wie Jean-Louis Gassée vorgeschlagen hat, Apples Vorgehen von Anfang an so aussehen sollen. Informierte Kunden, radikale Transparenz und die Krise wäre abgewendet. Jeder würde darüber sprechen wie sehr er sein iPhone trotz der Ungereimtheiten mag. Schließlich haben Hürden Apple-Kunden auch in der Vergangenheit nie betrübt.